Es fängt an, wo Schweden endet, in Riksgränsen. Über den Ort gibts nicht viel zu sagen, zumindest nicht von uns, wir fuhren nur vorbei. Ein richtiger Skiort ist das.
Die Berge werden gen Norwegen auch langsam steiler und rauer und felsiger.
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| Mr. Plow |
Hier nur die Strasse, Berge, unser Auto, Berge, mal ein Schneepflug oder drei Häuser. Wenn mir eines mittlerweile völlig einleuchtet, dann die Formulierung "die Alpen sind überlaufen".
In Norwegen waren die wenigen Haltemöglichkeiten bereits mit Autos aufgefüllt, Menschen standen rum, die bevorstehende Sonnenfinsternis erwartend. Mein primäres Bedürfnis aber war ein anderes und wurde von diesen ungewöhnlichen Menschenmassen vereitelt. Das wiederum ließ uns dann an einer Tankstelle halten, und während ich es mit schmerzender Blase gerade noch in entsprechende Räumlichkeiten schaffte, versuchte sich Herr Dinkeleacker in der Fotografie der "Solförmörkelse".
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| Heute waren uns keine Sonnenstrahlen vergönnt, wieder einmal Wolkenhimmel. Und dann hat sich auch noch der Mond dazwischenquetschen müssen. |
Irgendwann waren wir am Tagesziel, auf der Insel Andøya.
Es gab Schneesturm. Und den gleich mal so, dass unsere Vermieterin mit dem Auto im Graben gelandet war. Irgendwie wurde dann der Nachbar vorbei geschickt, um sich um uns zu kümmern. Wir bekamen den Schlüssel und konnten ins Zimmer.
Nach einem eher kurzen Spazierversuch über Schneematschwiesen widmeten wir uns gänzlich dem häuslichem Leben. Wir verlegten unserer Neugier auf Atlantikwellen und Schneetreiben vom Fenster aus beobachten und bei Dunkelheit auf das norwegische Fernsehen. Alles ohne Regenjacke und Mütze, dafür kann man dabei Kaffee trinken und Essen die ganze Zeit.
Tags drauf machten wir eine Inselrundfahrt, wanderten im Schneeregen an der beeindruckenden Küste entlang und fragten uns, wieso es in Norwegen an einer Bäckerei ein Brezenschild gibt, obgleich die Brezn jetzt an sich auch hier unbekannt.
Dafür gabs Schnee und Sturm und Meer und felsige Berge und kleine Küstenorte und Hinweise auf lebhaften Tourismus im Sommer und einen eher jämmerlichen Versuch meinerseits mit den Skiern über schneeschmieriges Strandgras zu rutschen.
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| Versteinerte Riesenhaie aus dem Miozän sind noch heute vor der Küste Andøyas zu bestaunen. |
Unsere wieder aus dem Graben entfleuchte Vermieterin erzählte uns später, sie komme vom Nordkap, und das hier sei nun nicht Norden. Sagte sie zu uns, während wir 280km nördlich des Polarkreises standen. Leuchtete aber auch ein, wenn man sich nochmal 150km nördlicher und einen Monat länger Dunkelheit vorstellte. Uns wurde wieder klar, wie lang Norwegen eigentlich ist, und wie der Begriff Norden immer eine Frage des Standpunkts ist, ganz wörtlich genommen.
Des Morgens entdeckte Herr Dinkelacker eine der in Europa seltenen Lamamedusen, ein am Boden liegender Fellhnödel mit zahlreichen räkelnden bekopften Hälsen. Die Zimpfelsberger fand die Meduse aufregend, andersherum gabs nicht all zuviel Interesse. Die Meduse hat einfach ihre Lamahälse wieder eingezogen und die Lamaköpfe haben weiter geschlafen.
Nach der Kultur schließlich machten wir noch der Versuch italienisch zu Essen, ein dehnbarer Begriff.
Das Wetter brachte aber auch genug Schnee um mit den Skiern los zu ziehen. Direkt an unserer Bleibe führte eine weitläufige Loipe vorbei, bei der man mit der Zimpfelsberger im Zuggeschirr auf unkontrollierte Geschwindigkeiten kam. Viel Spaß, ein paar Stürze und vielleicht auch bisserl mehr gelernt, wie man zwei Bretter mit offener Bindung in den Griff bekommt.
Tage später dann noch ein Stück weiter raus auf das Lofotenspitzerl, das sich in den Atlantik bohrt. Reine, wo die Fische wehen im Wind. Und obendrauf gabs den berühmten horizontalen Niederschlag, ein durchaus ungewohnter Anblick. Alles weitere in Reine überspringen wir, weil in Alles Fisch schon dagewesen.
Von Reine gings mit der Fähre wieder aufs norwegische Festland, dann weiter Saltdals Berge, in denen kaum einer wohnt, aber an Feiertagen alle sind.
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| Bahnhof Nirgendwo |
Wieder anders. Auch unsere Unterkunft und deren Betreiber. Die Unterkunft, Hotell Polarsirkelen, ein Berg- oder Sporthotel aus einer anderen Zeit, vor einigen Jahren wieder zum Leben erweckt. Die Betreiber, umwerfend, lustig, geboren für das, was sie tun. Uns gaben sie das Gefühl, die ersten und besten Gäste zu sein. Wir wurden zum Rentierfüttern mitgenommen, erfuhren wie sie zu den Pächtern wurden und wie ihre erweiterte selbst erfundene Variante von Kniffel funktioniert.
Hier haben wir auch unser Skiwanderparadies entdeckt. Einfach genau was wir wollten. Und fix und fertig waren wir danach auch. Sogar die Zimpfelsberger.
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| Saltdals Winterlandschaft wurde offensichtlich von einem Graphiker entworfen. |
Des Morgens waren es auf ein Mal viel mehr Menschen im Hotell Polarsirkelen, also mehr als uns beide und noch einen Gast. Ein Pass wurde wegen Sturm und Schneeverwehungen gesperrt, und so wurden all die Autoreisenden nachts ans Hotel gespült. Auf eine Schlag war dann aber auch wieder Ruhe, der Pass wurde geöffnet.
Und dann, dann irgendwann war wieder Tag der Abreise, viel zu früh, natürlich.
Noch ein bisschen norwegische Berge und Strasse, dann erkannten wir die Grenze. Oben auf dem Pass auf einmal reges Treiben. Nicht weil da etwa ein Zollhäuschen stand, nein da steht nichts, außer einem Schild. Aber hinter dem Schild beginnt Scooterland. Circa 2 cm hinter dem Schild parkenden Autos mit Anhängern, viele mit norwegischem Nummernschild. In Schweden ist Schneemobil fahren überall erlaubt, wo nicht ausdrücklich verboten, in Norwegen anders herum.
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Da standen wir wieder, vor unserer Haustür.
Ein paar Tage später packte mich ein Lachanfall. Eine schöne, kurze Begegnung in Norwegen fiel mir ein. Wir sind da so den Hang hinauf zurück zum Berghotel aus einer anderen Zeit, da kam mir ein Skifahrer entgegen. Sprach mich auf Schwedisch mit deutschem Akzent an, in Norwegen. Wegen dem Hund vorne als Zughilfe. Der Skifahrer, Typ langer schräger Vogel, auch aus einer anderen Zeit, und ich blieben stehen. Gespräch. Ich erst Schwedisch, dann Englisch. Der Vogel fragte weiter, wo und wer, und wir gestanden, dass wir Deutsche sind. Daraufhin in Englisch er, dass er dachte wir sind Norweger. Sagte er, eindeutig mit deutschem Akzent. Irgendwie kamen Herr Dinkelacker und ich nicht so ganz mit, was das für ein Gespräch war, inhaltlich. Dann fragte Herr Dinkelacker ihn etwas wegen den Skifellen, und schwups, mitten im Gespräch fuhr er los, verschwand den Hang hinab und rief auf Schwedisch, wir sollten doch mal sehen, hier, wie gut das ginge, mit den Fellen bergab. Dabei riss er die Arme hoch und seine Hände waren das Letzte was wir von ihm sahen. Wir starrten hinterher. Weg war er, der Deutsche, der mit uns Schwedisch sprach in Norwegen.
Jetzt sind wir wieder an unserem See, dessen Eis seit Mai völlig geschmolzen ist. Winter ist auf alle Fälle rum, Ski verräumt, Schneeanzug gewaschen.
Wir warten auf den Frühling.Vielleicht ist er das auch schon.






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