22. Mai 2015

Der Depp und das Internet


Was macht der Depp ohne Internet?
Jetzt hat es sich doch so begeben, dass wir eine gute Woche ohne Internet- und Festnetztelefonverbindung leben, ja dahinvegetieren mussten.
Wir brauchen das Internet, wir können nicht leben ohne das Internet.
Unsere Freunde, die müssen doch wissen, was wir machen und vielleicht lieber nicht, was wir denken. Der Herr Dinkelacker braucht das Netz um Fischereischweinskram zu recherchieren, zu kucken und zu bestellen. Ich brauch das Netz um, ja was mach ich da eigentlich. Bloggtexte schreiben natürlich. Blöd auf FB kucken. Vokabeln lernen und nachschlagen. Ein Mailchen hier und da. Und, uhm, rausfinden ob es ein Wohnmobil gibt, das so gebaut ist, wie ich es mir ausgedacht hab. Jägerschnitzelsoße lieber mit Mehl binden oder doch nicht? Und natürlich schau ich mir immer wieder eine Reihe Bilder von Tieren an, die ich gerade zeichne.
Und der Herr Dinkelacker muss doch unserem Autonarrnachbarn hinterhe spionieren, um fest zu stellen, dass 30 Fahrzeuge auf ihn zugelassen sind. Und für uns beide ist es natürlich unerlässlich stets zu wissen, was in Deutschland und Bayern los ist.

Wie man sieht, wir sind also wirklich, wirklich angewiesen aufs Internet.
Zumal wir uns das ganze Gesurfe mit dem Handtelefon sparen. Der Herr Dinkelacker ist wohl ein Mann von trauriger Berühmtheit hier im Lande der Daueronliner, er besitzt noch kein kleveres Telefon, man stelle sich vor.
Ohne Internet fällt mir wieder ein, dass ich da noch ein Schwedischbuch habe, so eines mit Seiten aus Papier, bedruckt, zum Umblättern. Und ein Lernprogramm auf dem PC. In den selben Macharten besitze ich auch eine Reihe von Foto- und Nachschlagwerken über Tier und Pflanze.

Anders ist die Situation für unsere Nachbarin. Sie hat Anfang Juni eine Ausstellung in einem Schaufenster. Ist also gerade in der heißen Phase von Noch-alles-fertig-kriegen und Dies-und-das brauch-ich-ja-auch-noch.
Sie ist wegen Muskelerkrankung in ihrer Mobilität ziemlich eingeschränkt. Ohnehin aber bekommt man die meisten Dinge von Dies-und-das nicht einfach so in Umeå (Bedenke, lieber Mitteleuropäer, Umeå ist die einzige Stadt hier).
Kurz, für sie ist das Internet der beste Weg, um an ihre Sachen zu kommen.
Die Nachbarin ist auch bereits ein großer Freund unseres Netzanbieters. Sie hatte schon die üblichen ausgiebigen Probleme und Diskussionen als sie hier her zog und einen Anschluss wollte.
Die Telia, so nennt sich das in jeder Hinsicht schwedische Pendant zur Telecom, wollte ihr damals weis machen, sie hätte ein nur sporadisch funktionierenden Anschluss weil a) ihr Modem nicht funktioniert undoder b) sie zu abseits wohne. Als dann a) das Modem sich als frisch von Telia geliefert herausstellte und b) sich ebenfalls zeigte, dass wir, ihre an derselben Leitung hängenden, nur 10 Meter entfernten Nachbarn, beste Verbindung haben, kam die Telia nach zahlreichen weiteren Telefonaten doch endlich in Gang.
Vermutlich hat keiner Probleme, diese Gespräche mit Callcentern, die sie damals und wir jetzt hatten, nach zu empfinden.
Telefon- und Internetanbieter haben vermutlich einen weltumspannenden Pakt geschlossen und eine internationale Satzung zum Umgang mit Kunden: lass sie immer wieder von vorne anfangen, erläutere ihnen stur, wie die Geräte einzuschalten sind, gib ihnen stets das Gefühl, dass sie zu blöde sind und die Schuld an ihnen liegt. Frage immer wieder sämtliche Nummern und Daten ab. Wenn sie laut werden oder ungehalten, halte ihnen das vor und erläutere ihnen, dass es absolut keinen Grund gibt, sich im Ton zu vergreifen. Erkläre ihnen noch einmal, das bereits alles überprüft wurde, und kein Fehler vorliegt. Wenn sie zu weinen anfangen, beende das Gespräch und übernimm den nächsten Kunden. Versprich einen Rückruf, falls sie nicht aufgeben wollen.
So kams dann auch dazu, dass uns ein Techniker zugesagt wurde.
Die Nachbarin und ich habe so rumgetratscht. Sie war ziemlich genervt, dass der Techniker erst in ein paar Tagen auftaucht. Wir haben spekuliert, wie denn nur unsere zwei Häuser eine tote Leitung haben können während der Rest des Dorfes fröhlich surft. Und blödelten so herum, und meinten dass der Bauer, der gerade all seine Entwässerungsgräben ausbaggert was zerhackt hat. Machte zwar keinen Sinn, weil besagter Bauer einiges entfernt liegt, aber Leute sinnlos beschuldigen gehört nun mal zu einem echten Tratsch. Haben uns aber ganz brav auch gleich ein bisserl geschämt dafür. Und gelacht, weil nein, nein, was für ein Blödsinn. Liegen ja auch noch ein Haufen Häuser dazwischen.
An zugesagtem Tag war weit und breit kein Techniker zu sehen. Haben wir auch nicht so wirklich erwartet, aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Eine SMS aber für den Herrn Dinkelacker gabs, dass da ein größeres Problem ist und noch dauert.
Tags darauf war die Nachbarin auf ihrer Hundefahrtrunde, sie hat so ein Elektromobil. Sah sie einen Elektriker im Graben bei erwähntem Bauern rumspringen. Hat ihn angesprochen. Und ja, da im Graben, da sei ein Kabel zu flicken.
Moral von der Geschicht: immer fest die Nachbarschaft beschuldigen.
Und: spar dir deine Logik wenns um die Verlegung von Leitungen geht.

Am Erstaunlichsten aber: Eine Woche nicht online und überhaupt nichts verpasst.




9. Mai 2015

Tingeltangels zweiter Teil: Norwegen - Lofoten, Saltdal und der Rest

Hier der zweite Teil der Nordreise.
Es fängt an, wo Schweden endet, in Riksgränsen. Über den Ort gibts nicht viel zu sagen, zumindest nicht von uns, wir fuhren nur vorbei. Ein richtiger Skiort ist das.
Die Berge werden gen Norwegen auch langsam steiler und rauer und felsiger.

Mr. Plow
Wir fuhren auf der E10, eine der zwei Strassen die von Norrbotten nach Norwegen führen. Norrbotten ist Schwedens nördlichstes "Län", Län wie Bundeslandes, nur eben ohne Bund. Es ist größer als Bayern. Also zwei Strassen vom Größeralsbayernland in den Nachbarstaat. Wir fuhren auf der nördlicheren Route.
Hier nur die Strasse, Berge, unser Auto, Berge, mal ein Schneepflug oder drei Häuser. Wenn mir eines mittlerweile völlig einleuchtet, dann die Formulierung "die Alpen sind überlaufen".

In Norwegen waren die wenigen Haltemöglichkeiten bereits mit Autos aufgefüllt, Menschen standen rum, die bevorstehende Sonnenfinsternis erwartend. Mein primäres Bedürfnis aber war ein anderes und wurde von diesen ungewöhnlichen Menschenmassen vereitelt.  Das wiederum ließ uns dann an einer Tankstelle halten, und während ich es mit schmerzender Blase gerade noch in entsprechende Räumlichkeiten schaffte, versuchte sich Herr Dinkeleacker in der Fotografie der "Solförmörkelse".

Heute waren uns keine Sonnenstrahlen vergönnt, wieder einmal Wolkenhimmel. Und dann hat sich auch noch der Mond dazwischenquetschen müssen.


Irgendwann waren wir am Tagesziel, auf der Insel Andøya.
Es gab Schneesturm. Und den gleich mal so, dass unsere Vermieterin mit dem Auto im Graben gelandet war. Irgendwie wurde dann der Nachbar vorbei geschickt, um sich um uns zu kümmern. Wir bekamen den Schlüssel und konnten ins Zimmer.
Nach einem eher kurzen Spazierversuch über Schneematschwiesen widmeten wir uns gänzlich dem häuslichem Leben. Wir verlegten unserer Neugier auf  Atlantikwellen und Schneetreiben vom Fenster aus beobachten und bei Dunkelheit auf das norwegische Fernsehen. Alles ohne Regenjacke und Mütze, dafür kann man dabei Kaffee trinken und Essen die ganze Zeit.

Tags drauf machten wir eine Inselrundfahrt, wanderten im Schneeregen an der beeindruckenden Küste entlang und fragten uns, wieso es in Norwegen an einer Bäckerei ein Brezenschild gibt, obgleich die Brezn jetzt an sich auch hier unbekannt.

Dafür gabs Schnee und Sturm und Meer und felsige Berge und kleine Küstenorte und Hinweise auf lebhaften Tourismus im Sommer und einen eher jämmerlichen Versuch meinerseits mit den Skiern über schneeschmieriges Strandgras zu rutschen.

Versteinerte Riesenhaie aus dem Miozän sind noch heute vor der Küste Andøyas zu bestaunen. 








Unsere wieder aus dem Graben entfleuchte Vermieterin erzählte uns später, sie komme vom Nordkap, und das hier sei nun nicht Norden. Sagte sie zu uns, während wir 280km nördlich des Polarkreises standen. Leuchtete aber auch ein, wenn man sich nochmal 150km nördlicher und einen Monat länger Dunkelheit vorstellte. Uns wurde wieder klar, wie lang Norwegen eigentlich ist, und wie der Begriff Norden immer eine Frage des Standpunkts ist, ganz wörtlich genommen.
Des Morgens entdeckte Herr Dinkelacker eine der in Europa seltenen Lamamedusen, ein am Boden liegender Fellhnödel mit zahlreichen räkelnden bekopften Hälsen. Die Zimpfelsberger fand die Meduse aufregend, andersherum gabs nicht all zuviel Interesse. Die Meduse hat einfach ihre Lamahälse wieder eingezogen und die Lamaköpfe haben weiter geschlafen.



 
Einen Tag später, immer noch mit Schneegetöse, gings weiter zu den Lofoten. Nochmal anders. Nochmal steilere, felsigere Berge. Die Dörfer irgendwie zwischen Meer und Steilhänge gequetscht.  Nochmal lustiger Campingplatzbesitzer. Wegen dem Wetter gabs Fischermuseum und Aquarium inklusive sachlich neutraler Information über den Segen von Fishfarming und Ölförderung. Norwegen, erst war nur Fisch und ein hartes, armes bis bescheidendes Leben. Aber dann kam Öl und Tourismus und mehr Wohlstand.
Von außen mag dieses italienische Restaurant etwas
kühl wirken. Hat man es aber erst einmal betreten,
 so zeigt sich eine gemütliche, einladende Atmosphäre, die
 ausgezeichnet mit dem Speiseangebot wie Hamburger,
 Pommes und Filterkaffee harmoniert.


Heute hat Norwegen eine der höchsten Geburtenraten Europas, die Bevölkerung hat sich im letzten Jahrhundert verdoppelt. Zudem hat es eine hohe Zuwanderungsrate, was wir durchaus nachvollziehen können.
Nach der Kultur schließlich machten wir noch der Versuch italienisch zu Essen, ein dehnbarer Begriff.

Das Wetter brachte aber auch genug Schnee um mit den Skiern los zu ziehen. Direkt an unserer Bleibe führte eine weitläufige Loipe vorbei, bei der man mit der Zimpfelsberger im Zuggeschirr auf unkontrollierte Geschwindigkeiten  kam. Viel Spaß, ein paar Stürze und vielleicht auch bisserl mehr gelernt, wie man zwei Bretter mit offener Bindung in den Griff bekommt.

Tage später  dann noch ein Stück weiter raus auf das Lofotenspitzerl, das sich in den Atlantik bohrt. Reine, wo die Fische wehen im Wind. Und obendrauf gabs den berühmten horizontalen Niederschlag, ein durchaus ungewohnter Anblick. Alles weitere in Reine überspringen wir, weil in Alles Fisch schon dagewesen.
Von Reine gings mit der Fähre wieder aufs norwegische Festland, dann weiter Saltdals Berge, in denen kaum einer wohnt, aber an Feiertagen alle sind.


Bahnhof Nirgendwo


Wieder anders. Auch unsere Unterkunft und deren Betreiber. Die Unterkunft, Hotell Polarsirkelen,  ein Berg- oder Sporthotel aus einer anderen Zeit, vor einigen Jahren wieder zum Leben erweckt. Die Betreiber, umwerfend, lustig, geboren für das, was sie tun. Uns gaben sie das Gefühl, die ersten und besten Gäste zu sein. Wir wurden zum Rentierfüttern mitgenommen, erfuhren wie sie zu den Pächtern wurden und wie ihre erweiterte selbst erfundene Variante von Kniffel funktioniert.
Hier haben wir auch unser Skiwanderparadies entdeckt. Einfach genau was wir wollten. Und fix und fertig waren wir danach auch. Sogar die Zimpfelsberger.


Saltdals Winterlandschaft wurde offensichtlich von einem Graphiker entworfen.




Des Morgens waren es auf ein Mal viel mehr Menschen im Hotell Polarsirkelen, also mehr als uns beide und noch einen Gast. Ein Pass wurde wegen Sturm und Schneeverwehungen gesperrt, und so wurden all die Autoreisenden nachts ans Hotel gespült. Auf eine Schlag war dann aber auch wieder Ruhe, der Pass wurde geöffnet.

Und dann, dann irgendwann war wieder Tag der Abreise, viel zu früh, natürlich.
Noch ein bisschen norwegische Berge und Strasse, dann erkannten wir die Grenze. Oben auf dem Pass auf einmal reges Treiben. Nicht weil da etwa ein Zollhäuschen stand, nein da steht nichts, außer einem Schild. Aber hinter dem Schild beginnt Scooterland. Circa 2 cm hinter dem Schild parkenden Autos mit Anhängern, viele mit norwegischem Nummernschild. In Schweden ist Schneemobil fahren überall erlaubt, wo nicht ausdrücklich verboten, in Norwegen anders herum.

Bildunterschrift hinzufügen
Die Heimfahrt von Norwegen zu unserem nicht roten Schwedenhaus bedeutete dann einfach fahren und auf 500km insgesamt von Tür zu Tür ganze sieben mal abbiegen.
Da standen wir wieder, vor unserer Haustür.

Ein paar Tage später packte mich ein Lachanfall. Eine schöne, kurze Begegnung in Norwegen fiel mir ein. Wir sind da so den Hang hinauf zurück zum Berghotel aus einer anderen Zeit, da kam mir ein Skifahrer entgegen. Sprach mich auf Schwedisch mit deutschem Akzent an, in Norwegen. Wegen dem Hund vorne als Zughilfe. Der Skifahrer, Typ langer schräger Vogel, auch aus einer anderen Zeit, und ich blieben stehen. Gespräch. Ich erst Schwedisch, dann Englisch. Der Vogel fragte weiter, wo und wer, und wir gestanden, dass wir Deutsche sind. Daraufhin in Englisch er, dass er dachte wir sind Norweger. Sagte er, eindeutig mit deutschem Akzent. Irgendwie kamen Herr Dinkelacker und ich nicht so ganz mit, was das für ein Gespräch war, inhaltlich. Dann fragte Herr Dinkelacker ihn etwas wegen den Skifellen, und schwups, mitten im Gespräch fuhr er los, verschwand den Hang hinab und rief auf Schwedisch, wir sollten doch mal sehen, hier, wie gut das ginge, mit den Fellen bergab. Dabei riss er die Arme hoch und seine Hände waren das Letzte was wir von ihm sahen. Wir starrten hinterher. Weg war er, der Deutsche, der mit uns Schwedisch sprach in Norwegen.
Jetzt sind wir wieder an unserem See, dessen Eis seit Mai völlig geschmolzen ist. Winter ist auf alle Fälle rum, Ski verräumt, Schneeanzug gewaschen.
Wir warten auf den Frühling.Vielleicht ist er das auch schon.