7. Dezember 2014

Chef und Wirklichkeit

Es is garnet so einfach, wenns drum geht zu erklären, wieso mein Chef, der wirklich ein Netter is und den ich gern mag, mich manchmal so in den Wahnsinn treibt.
Nun is des ja ganz grundsätzlich einfach eine Arbeit bei der sich dauernd alles ändert. Bauern sagen ab, einen Tag bevor wir zu ihnen kämen. Aus 40 Kühen werden, ist man einmal angekommen, auf einmal 25 oder 60 Stück. Der Frontlader, der die Geräte in den Stall hieven soll, ist kaputt, das Wetter spielt nicht mit. All sowas. Arbeitstage, Aufstehzeiten und Feierabende ändern sich ständig. Und es is net einfach, da seinen eigenen Kram irgendwie zu organisieren.
Und da kommt dann noch die Natur von meinem Chef dazu.
Sein Leben:
Familie mit 5 Kindern. A kleine Landwirtschaft. Die Frau arbeitet, wie in Schweden üblich Vollzeit. Seine Arbeit als Klauenschneider ist nicht nur anstrengend sondern auch ziemlich zeitaufwendig, mit bis zu 5 Stunden Anfahrten und jeden Abend zuhause noch LKW und Geräte desinfizieren.
Könnt man jetz meinen, is scho a ganzer Haufen zum Tun, reicht scho.
Aber dann ist er noch Fußballtrainer von ner Jugendmannschaft, im Kirchenverein, musiziert hier und da und in der Politik wird auch noch mitgemischt. Irgendwann, als mal wieder alles kreuz und quer ging und er ganz fertig davon war, hab ich gmeint, dass er vielleicht a bisserl zu viel macht. Dann hat er gemeint, er mag das so. Is auch recht. Jedem seins.
Er kann ja auch damit leben.
Aberichnicht.
Seine Natur:
Dazu hier ein kleines Fallbeispiel.
In der letzten Novemberwoch schickt mir mein Chef, besser gsagt sei Frau, den Plan für Dezember. Also an welchen Tagen arbeit is, wann ich morgens da sein soll, wie viele Kühe ungefähr und wann ca. zuhause.
(Nachdem ich am Anfang von Tag zu Tag nie wusste wies weiter geht bzw. sich alles ständig geändert hat, und ich dann ständig alles andere ändern musste, hab ich sie dazu genötigt, mir immer so einen Arbeitszeitplan zu machen.)
Also ich schau so den Plan durch und schau so und schau dann auf einmal a bisserl blöd.
Weil da steht, dass wir in einer Woche  2 mal hintereinander auswärtig übernachten,  Dienstag bis Donnerstag sind wir auf Tour. Denn darauf folgenden Freitag sind wir komischerweise in der gleichen Gegend, fahren aber Donnerstag heim und Freitag morgen wieder hin.
Ich wusste net, dass in dem Jahr nochmal Übernachtungen anstehen und bin auch nicht begeistert, weil dass für mich nicht mehr Geld sondern nur mehr Zeit bedeutet. Abends in irgend einem Zimmer Zeit totschlagen und warten auf den nächsten Tag zum weiterarbeiten.
Für den Herrn Dinkelacker heißt das, irgendwie den Hund mit der Arbeit organisieren, dass die Zimpfelsberger  morgens noch Auslauf und Futter und nachmittags noch Bewegung bekommt und nicht vereinsamt. Klingt nicht so schwierig, ist es aber wenn man bedenkt, dass es bis 8 und ab 15 Uhr dunkel ist, stockdunkel.

Mein Chef erklärt mir später, dass wir jenen Donnerstag deswegen heimfahren, weil er da ein Treffen hat, das er nicht verpassen will. Sowas in der Art dacht ich mir schon.
Ich vereinbare mit der Autowerkstatt, dass ich ihnen in der Woche in der ich weg bin,  den Subaru Dienstag morgen hinstelle und ihn Donnerstag abends wieder abhole, sie können den Kabelschaden in der Zeit reparieren wann sie wollen, weil ich bin ja eh auswärtig.
Mit dem Chef mach ich aus, dass er mich Dienstags um 6 Uhr morgens da an der Werkstatt aufsammelt.
Am Abend vorher pack ich also meine Krempel für zwei Nächte und drei Tage zusammen, da ruft der Chef durch und meint, ob wir uns morgens wo anders treffen können, da an der Werkstatt ist es doch nicht so günstig für ihn. Gut, dann fahren am nächsten Morgen der Herr Dinkelacker, der eigentlich später los wollte und ich im Konvoi zur Werkstatt und dann fährt mich Herr Dinkelacker noch zu meinen Treffpunkt und dann weiter in seine Arbeit.


Als mein Chef und ich dann für die nächsten Stunden so durch die morgendliche Finsternis fahren, meint er, wir übernachten nur einmal und fahren morgen, also Mittwoch abend doch heim, denn am Mittwoch ist um 18 Uhr eine Vereinssitzung von dem Kirchenzeugs, dass wär ihm wichtig.
Ich verkneif mir die Frage, wieso er mir dass jetz erst sagt und nehme an, dass sich das vielleicht erst gestern kurzfristig ergeben hat.
Dann arbeiten wir und übernachten ganz wunderbar als einzige Gäste in einem großen Haus in der Einsamkeit.
Tagesanbruch in Nordschweden:
Fahrt in die Arbeit, der Sonne entgegen


Landwirtschaft in Nordschweden:
typischer Kuhstall, im Schein der Nachmittagssonne

Hoffnung in Nordschweden:
letzte Arbeiten, nur noch 3 Stunden Heimfahrt, dann Feierabend






Am nächsten Tag rufe ich in der Werkstatt an und frage, ob ich vielleicht das Auto schon heut wieder holen könnte. Der Mann von der Werkstatt ist verwirrt und frägt, ob wir nicht Donnerstag ausgemacht hätten. Ich meine, doch doch, ja, es hätte sich bloß etwas geändert und ich käme heute schon wieder heim, so um fünf könnt ichs holen, sag ich noch, denn mein Chef will ja um 6 bei der Sitzung sein. Der Mechaniker sagt, er versuchts und schickt mir dann ne SMS.
Dann arbeiten wir an einem wirklich schönen Fleckchen Erde, zwischen Wald, Feld und See.
Also wir dort los fahren meint der Chef, ob ich denn heute mein Auto bekäme, wie käm ich denn sonst morgen zu ihm. Ich sage ihm, ich weiß noch nichts genaues, da die in der Werkstatt ja dachten, sie hätten noch einen Tag. Ob ich schon mit ihnen dort gesprochen hätte? Ich sag ja, die wissen bescheid und versuchens hin zu bekommen. Er meint ich soll doch nochmal anrufen. Ich sag nein, ich wart jetz mal ab, es ist ja erst mittag. Und denken tu ich mir, dass ich denen nicht dauernd auf die Nerven gehen will, nur weil mein Chef mir das nicht früher sagen konnte.
Während des Heimfahrens klingelt ChefensTelefon, na das klingelt eigentlich dauernd, aber diesmal bekomme ich mit, dass er zu sagt, noch wo nen Zwischenstop einzulegen und 4 akute Hinkefußfälle zu behandeln. Ich wundere mich, denn zeitlich ist das nicht mehr drin, wegen seinem Termin halt. Er legt auf und sagt mir, wir machen noch wo 4 Akutfälle, die hat er nämlich zwei Tage zuvor vergessen und versetzt, sodass er jetzt schlecht nein sagen kann. Irgendwann bekom ich die SMS, dass mein Auto fertig ist. Muss jetz aber darum bitten, den Schlüssel auf dem Reifen zu legen, da ich es zu den Werkstattöffnungszeiten doch nicht mehr schaffe.
Wir machen die vier anderen Kühe, mein Chef ist, so ruhig er auch versucht zu bleiben heillos gestresst und wir viel zu spät. Aus irgendeinem Grund ruft mein Chef bei der Autowerkstatt an und spricht da irgendwas wegen meinem Schlüssel auf den AB. Ich atme tief durch.
Er setzt mich wenig später beim Auto ab und verschwindet in der Nacht.
Am nächsten Morgen fahr ich zu ihm, und im LKW Platz genommen, frage ich ihn bei dem üblichen Wie-gehts-Begrüßen, ob er es gestern noch irgendwie zum Treffen geschafft hat. Er meint,ach nein nein, er hätte sich vertan, das Treffen war garnicht gestern, dass sei heute.
Ich weiß nicht wo ich hin schauen soll.
Da war kein zweites Treffen, keine Verschiebung, da war immer nur dieses eine Treffen, das am Donnerstag abend, das von dem er mir schon erzählt hat.
Immer wieder ziehts mir die Mundwinkel hoch.
Und während ich so verloren in mich hinein grinse klingelt wieder sein Telefon. Am anderen Ende ist jemand, der frägt, wann wir den kämen, er warte bereits eine Weile. Es ist nicht die Person, zu der wir an diesem Tag fahren, es ist die Person, mit der mein Chef für diesen Tag auch einen Termin ausgemacht hat.
Ich erinnere mich da an das Gespräch, dass wir gestern hatten, wo er meinte, er schreibe alles in einen Kalender, daheim, und bis dahin könne er sich schon immer alles merken. Dann erinnere ich mich noch an seine Worte, einst, dass er eigentlich nie etwas vergesse, ich bräuchte das nicht aufschreiben für ihn mit den Sachen die er nachkaufen musste.
Mein Chef spricht nach seinem letzten Telefonat lange nicht, er hält sich mit beiden Händen am Lenkrad fest und starrt hinaus.
Ich habe Zeit und hänge meinen Gedanken nach.
Natürlich schaffen wir es auch heute nicht rechtzeitig nach Hause. Eine Stunde nach dem sein Treffen begonnen hat, kommen wir vor seinem Haus an. Und zu dem Treffen ists sicher auch nochmal ne halbe Stunde Fahrt.
Ich kratz mein Auto frei und fahr heim.
Am nächsten Morgen frage ich diesmal nicht nach, wies denn jetz mit dem Treffen lief.  Und er sagt keinen Ton darüber.
Warum?
...Ich wills nicht wissen...

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