2. April 2015

Oberlehrer Skandinaviens

Folgebesuch beim Hälsocentral.
Im Zuge eines Projektes zur Minimierung der Herzkaschperlquote werden alle Gemeindemitglieder, die einen Runden 40ger, 50ger oder 60ger haben auf Zucker und Fettwerte hin untersucht. Beim ersten Besuch wurden mein Blutzucker gemessen und Blut genommen. Außerdem gabs einen Fragebogen auszufüllen. Fragen über Sport, wie viel  man sitzt, wie und was man isst, wie man sich fühlt, wie viel Freunde man hat, ob man in Vereinen aktiv ist, ob man niedergeschlagen ist, Alkohol und bla. Zu bewerten meist mit einer Skala von eins bis fünf.
Einiges an Seiten. Dauerte auch, da mir nun das Schwedische über solche Dinge nicht gerade geläufig ist.
Unklar ist mir, was jetzt meine Vereinsmeierei und meine Selbstmordgefährdung mit Blutfettwerten zu tun hat. Und auf besondere Begeisterung stieß bei mir die Tatsache, dass auf dem Fragebogen dick und fett meine Personennummer angegeben ist.

Nun bin nochmal da, um die Ergebnisse der Blutuntersuchung zu besprechen. Da packt sie, die Distriktschwester, auch den Fragenbogen wieder aus.
Und es wird schwedisch. Zu besprechen gilt alles, was ich nicht mit "mycket bra"- "sehr gut" angekreuzt habe.
Die schwedische Verwendung von Positivausdrücken erscheint einem Deutschen, ähnlich wie im Amerikanischen als, nun ja ziemlich inflationär und übertrieben. Dinge sind nicht schön oder gut, sondern wunderbar, herrlich, fantastisch. Das hat aber nichts, aber wirklich garnichts mit einer emotionalen Erlebniswelt zu tun, wie mir das durch meine Abstammung aus dem Südländischen vertraut ist, sondern damit, dass alles gut zu sein hat. Im negativen Bereich fehlen solche Übersteigerungen nämlich völlig.
Auf alle Fälle bedeutet dann "sehr" nicht die maximale Steigerung.
Ich also, ganz der sachlich Antwortende mit Hang zum Schwermut habe mich mit den SEHR Bereichen zurück gehalten. Und das muss dann natürlich besprochen werden, wieso ich mich nicht sehr zufrieden, immer glücklich und stets zuversichtlich fühle. Aus der Sache komm ich aber raus, als ich meine, dass Depressionen einfach in der Familie liegen und mir das auch klar ist.
Sport und Bewegung ist schnell abgehakt, die Ernährung das nächste Thema.
Ich fange langsam an, mich zu fragen, ob die das jetzt ernsthaft mit dem ganzen Fragebogen durchziehen wollen.
Ich scheine wenig Gemüse zu essen.
Wie bitte?
Wenn ich mir mit etwas sicher bin, dann dass ich für hiesige Verhältnisse viel Grünzeug esse. Hier gilt eher, Fleisch ist mein Gemüse.
Aber dann hab ich die Erleuchtung. Es wurde bei bestimmten Lebensmitteln gefragt, wie oft man das pro Woche isst. Und Gemüse wurden nur Kohl, Brokkoli und Karotten oder so genannt. Gut, auch das gelöst. "Mein" Gemüse, dass ich esse, ist hier anscheinend nicht zum Verzehr gedacht.
Dann wird mir noch angeraten, mehr Obst zu essen, wegen den Vitaminen. Gemüse ist gut wegen Mineralien. Hm, wer weiß, vielleicht ist ja das in niederländischen und dänischen Gewächshäusern aufgewachsene Gemüse tatsächlich ebenso vitamin- wie geschmackslos.
Außerdem habe ich keine Lust mehr. Ist ja nicht so, dass ich das mit 40 alles noch nie gehört habe.
Und dann kommts wieder.
Immer wieder kommt das. Die Gebetsmühlen, Sätze die man ständig hört, immer der ganz gleiche Wortlaut.Vielleicht mussten die das in der Schule alle auswendig lernen.
Heute war es wieder mal als Nicht- bzw. Spätfrühstücker "das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit am Tag" und "Milch und Milchprodukte sind sehr gesund, besonders wegen dem Calcium".
Ich lasse das einfach durch, spare mir jegliches Nachfragen. Es ist dieses "einzig Richtige", das mich manchmal so ermüdet.
Und dann fällt mir etwas ein, was ich in einem Artikel über die gegenseitigen Betrachtungen der Nordländer untereinander gelesen habe: "die Schweden sind die Oberlehrer Skandinaviens".
Ja und dann natürlich, dann trifft er mich, der Oberlehrer, mit einem seiner Lieblingsthemen.
Das Rauchen.
Sie rauchen. Ah ja, das ist natürlich schon ungesund.
Ich stimme zu.Tatsache, ich weiß das.
Mir wird nochmal erklärt, das sei ein Risikofaktor, die Folgen werden mir aufgezählt.
Ich stimme zu. Erinnere mich an einen Hausarzt, der einmal zu mir meinte  "aber 5 Zigaretten am Tag, dann rauchen sie doch nicht".
Ob ich schon mal  aufhören wollte.
Ich sag nein.
Aber das wär doch so ungesund.
Ich stimme zu. Oberlehrer, das geht mir nicht mehr aus dem Kopf.
Ich sage, hätte kein Bedürfnis auf zu hören. Und da wird sie nervös. Was tun... Sie erklärt mir, es gäbe hier und da Unterstützung. Ich sag immer nur ich weiß. Sie gibt lange nicht auf. Dann sage ich, ich hätte ja schon alles andere an den Nagel gehängt, dass ist die einzige Sünde die mir noch bleibt. Irgendwie ist das Thema damit abgewürgt.

Auf dem Heimweg habe ich immer noch das Gefühl, auf einem Gesundheitstag für Schüler teilgenommen zu haben.
Gesund und sicher, alles richtig machen. Eine perfekte Existenz. Aber Leben, wo bleibt das Leben, ich meine das Leben leben, also Leben, wie soll ich sagen...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen