14. April 2015

Tingeltangels erster Teil: Schwedens Norden





Nun wirds aber Zeit.

Noch ein paar Worte über unsere Winterreise bevor auch hier das erste Grün kommt.
Unsere Nordtour - wir hatten mit allem Glück.
Glück mit unseren angesteuerten Orten, Glück mit unseren Bleiben, Glück mit dem Wetter und nicht zuletzt Glück mit unseren Skifahr- und Orientierungskünsten.
Ganz abgesehen davon haben wir immer Glück mit uns. 
Mitte März gings los.
März ist die schönste Winterzeit, ich nenns Frühlingswinter. Tage sind lang, oft sonnig, die Temperaturen  nicht mehr tief. Trotzdem liegt Schnee und die Gewässer sind dick zugefroren.
Das Auto wurde also bepackt. 
Die Zimpfelsberger nach norwegischer Vorschrift tierärztlich beglaubigt entwurmt. Was soviel heißt, als dass man selbst das Mittel besorgt, zur Praxis fährt, den Tierarzt zuschauen lässt, wie man dem Hund das Mittel gibt, dann Stempel und Unterschrift in den Tierpass eintragen lässt und natürlich zahlt. Nicht das wir dann auf der Reise je auch nur einen Grenzer von weitem gesehen hätten.
Gut, Hund und Mensch ins bepackte Auto und los. Erstmal gen Norden, darum gings ja. Übernachtung an der Ostsee in Luleå. Aus und in das Hotel zu kommen war für uns Nichtnordler eine kleine Herausforderung, alle Wege eine Eisplatte.

Luleå: Das Flußdelta ist ein beliebter Ort um Drachen oder Hunde fliegen zu lassen.







Beim Frühstück nur wir und ein weiterer Gast im Raum. Der weitere Gast verspeiste geräuschvoll ein Ei nach dem anderen, auf dem Tisch und unter dem Tisch ein Schlachtfeld. Auch während er am Buffet stand stopfte er Essen in sich. Ich setzte mich taktisch klug mit dem Rücken zum Eierstopfer. Aber ich konnte mich nicht davon abhalten, über Kasper Hauser und verwilderte Kinder zu sinnieren. 


Motorschlitten als Mittel der Wahl: 
Damit war es bestätigt, nun waren wir im Norden.
Dann Weiterfahrt. 
Heute ist Fahrtag.
Man fahrt halt so, Schnee und Wald und sonst nix.
Abzweigungen und offene Flächen sind das aufregendste was passiert.
An einer Tankstelle trafen die jungen Wilden mit ihren Schneemobilen gerade ein. Eigentlich klar, die Mopeds der kalten Zonen, die 80ger des Nordens. Ab jetzt gehörten   Motorschlitten zum Gesamtbild. Also Schnee und Wald und Strasse und Scooterwege, auf denen man zwischendurch auch mit dem Hund spazieren kann, ohne bis zu den Oberschenkeln im Schnee zu stecken. 





Kurz vor Kiruna noch zum Icehotel hingefahren, muss man ja mal gesehen haben. Ist auch wirklich schön - innen.  Aber einfach mitten in einem Dorf, zwischen Häusern, Schuppen und Zelten, das nimmt einem irgendwie den Schwung aus dem Beeindrucktsein.

Dann Kiruna, die Minenstadt, die Eisenstadt. Sie gibt es, weil es dort Eisenerze gibt und der Mensch sie abbaut. Der berühmte Schwedenstahl und die schwedischen Gardienen...  Und weil nun unter Kiruna auch Erze sind an die man ran will, zieht die ganze Stadt in den nächsten Jahren einfach mal um, 5 km weiter. Ganz pragmatisch. Und ganz zum Nutzen aller zumeist gutverdienenden Einwohner.

Uns zog es dann doch 65 km weiter, in die Berge, bis ans Ende der Strasse, nach Nikkaluokta, einer kleinen Sami (die politisch unkorrekte Bezeichnung wäre zu deutsch "Lappen") Siedlung. Sie lebt von Bergtourismus und Rentieren. Wobei vermutlich der Tourismus für den Geldbeutel, die Rentiere für das Lebensgefühl.


Fuhrpark in Nikkaluokta: 
hundebetriebene und motorbetriebene Schlitten bereits abgeladen und in Betrieb.



Ausgezeichneter Service in Nikka: Hundehilfsantrieb zum Skiwandern steht bereit.

Humor in Nikka

















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Schwedens höchster  Berg, der 2104 m hohe Kebnekaise ist von Nikkaluokta aus zu erreichen. Wir habens da nicht hin geschafft. Unterschätze nie die endlosen Weiten der schwedischen Berge. Aber wir wollten auch garnicht. Nicht die passende Ausrüstung, nicht die passende Kondition und keine Ahnung von Lawinen. Wir sind also lieber skigewandert, durch lockeren Baumbestand,der Einheimische nennt es Wald, und in Tal und See. Hier war sogar bisserl was los. Hundeschlitten, Scooter, Eisfischer, Skileute. Tags Sonnenschein, nachts Nordlichter, besser gehts nicht.

Ganz hinten rechts in den Wolken da ist er, der Kebnekaise.
Die Anreise könnte sich noch ein wenig ziehen.










Drei Tage später weiter, nach Abisko, einem richtigen schwedischen Skiort: Was heißen soll, es gibt noch was anderes als Abfahrtskifahren, wirklich. Wir haben uns wieder dem Skirutschen gewidmet und uns im Nationalparkzentrum gebildet. Jahrhundertelange Weidenutzung durch Rentiere haben die Landschaft zu dem gemacht was sie ist. Quasi die Hohen Tauern Schwedens. Nur das jetz der österreichisch Senn nicht als indigene Gruppe anerkannt ist.

Parkplatz Nationalparkzentrum Abisko
Und dann DER Supermarkt. Einfach der beste. eine langgezogene Halle mit niedriger Decke, man hatte eher das Gefühl gerade in Grönland zu sein. Es gab halt, was es gibt. Ordentlich gestapelt in Kartons und Blechregalen. Es gab eine Marke Nudeln. Fertig. Die Gemüseabteilung teuer und klein, ganz nordisch. Dann diese Überraschungen. Man bog ums Eck und schwups, da war noch ein ganzer Nebenraum. Erst war man sich nicht sicher, vielleicht ein Lagerraum. Aber nein, das gehörte schon zum Laden. Dann wieder so ein Nebenraum, gefüllt mit Süßkram in großen Packungen. All diese neuen Entdeckungen und Geheimnisse, Herr Dinkelacker und ich verloren uns aus den Augen und im Laden. Keinerlei Versuche der Kundenleitung,  keine Lockmittel, keine Sonderangebote. Warum auch, es ist der beste  Lebensmittelladen, weil der einzige. Herr Dinkelacker und ich fanden uns nach einer Weile wieder, beide äußerst vergnügt und beeindruckt.


Abiskos Wahrzeichen, Foto- und Mal- Schreib und Einfachallesmotiv, das Tor zu Lappland.





Die ersten asiatischen Touristen begegneten uns. Ein für mich völlig unerwartete und später noch häufiger auftretende Tatsache.Nein, das stimmt nicht, die ersten sahen wir am Icehotel, nur da hat es mich nicht gewundert.
Noch ein weiterer Tag im Nationalpark, noch ein paar weitere Versuche, Telemark zu üben und dann gings wieder weiter.Richtung Riksgränsen und dann auf nach Norwegen. Und ja, Riksgränsen heißt Reichsgrenze. Schweden ist ein Reich, weil, ja weil zum einen ja auch noch eine Monarchie besteht (dieser eine mit den Prostituiertengeschichten in einem Land in dem Prostitution verboten ist) und zum anderen kein Krieg verloren wurde. Besagtes Königshaus war  einst mit einem Reich des Größenwahns sehr gut befreundet, besonders mit dessen Führer, hat sich dann aber im Zuge der Neutralität ganz gut aus der Affäre gezogen und daher also, Ortsname und Funktion bleiben bestehen in "Riksgränsen".
Die Berge wurden dichter, der Schnee mehr. An der Grenze ist keine Seele zu sehen. Nur ein paar LKWs. 
Dann Norwegen....


Schwedens Berge: Der Alpensepp mag vergeblich warten, dass sie jetz dann mal richtig los gehn. 
Der Leser auch. Los gehts damit erst in Norwegen. 
Und das gibts beim nächsten Teil.


2. April 2015

Oberlehrer Skandinaviens

Folgebesuch beim Hälsocentral.
Im Zuge eines Projektes zur Minimierung der Herzkaschperlquote werden alle Gemeindemitglieder, die einen Runden 40ger, 50ger oder 60ger haben auf Zucker und Fettwerte hin untersucht. Beim ersten Besuch wurden mein Blutzucker gemessen und Blut genommen. Außerdem gabs einen Fragebogen auszufüllen. Fragen über Sport, wie viel  man sitzt, wie und was man isst, wie man sich fühlt, wie viel Freunde man hat, ob man in Vereinen aktiv ist, ob man niedergeschlagen ist, Alkohol und bla. Zu bewerten meist mit einer Skala von eins bis fünf.
Einiges an Seiten. Dauerte auch, da mir nun das Schwedische über solche Dinge nicht gerade geläufig ist.
Unklar ist mir, was jetzt meine Vereinsmeierei und meine Selbstmordgefährdung mit Blutfettwerten zu tun hat. Und auf besondere Begeisterung stieß bei mir die Tatsache, dass auf dem Fragebogen dick und fett meine Personennummer angegeben ist.

Nun bin nochmal da, um die Ergebnisse der Blutuntersuchung zu besprechen. Da packt sie, die Distriktschwester, auch den Fragenbogen wieder aus.
Und es wird schwedisch. Zu besprechen gilt alles, was ich nicht mit "mycket bra"- "sehr gut" angekreuzt habe.
Die schwedische Verwendung von Positivausdrücken erscheint einem Deutschen, ähnlich wie im Amerikanischen als, nun ja ziemlich inflationär und übertrieben. Dinge sind nicht schön oder gut, sondern wunderbar, herrlich, fantastisch. Das hat aber nichts, aber wirklich garnichts mit einer emotionalen Erlebniswelt zu tun, wie mir das durch meine Abstammung aus dem Südländischen vertraut ist, sondern damit, dass alles gut zu sein hat. Im negativen Bereich fehlen solche Übersteigerungen nämlich völlig.
Auf alle Fälle bedeutet dann "sehr" nicht die maximale Steigerung.
Ich also, ganz der sachlich Antwortende mit Hang zum Schwermut habe mich mit den SEHR Bereichen zurück gehalten. Und das muss dann natürlich besprochen werden, wieso ich mich nicht sehr zufrieden, immer glücklich und stets zuversichtlich fühle. Aus der Sache komm ich aber raus, als ich meine, dass Depressionen einfach in der Familie liegen und mir das auch klar ist.
Sport und Bewegung ist schnell abgehakt, die Ernährung das nächste Thema.
Ich fange langsam an, mich zu fragen, ob die das jetzt ernsthaft mit dem ganzen Fragebogen durchziehen wollen.
Ich scheine wenig Gemüse zu essen.
Wie bitte?
Wenn ich mir mit etwas sicher bin, dann dass ich für hiesige Verhältnisse viel Grünzeug esse. Hier gilt eher, Fleisch ist mein Gemüse.
Aber dann hab ich die Erleuchtung. Es wurde bei bestimmten Lebensmitteln gefragt, wie oft man das pro Woche isst. Und Gemüse wurden nur Kohl, Brokkoli und Karotten oder so genannt. Gut, auch das gelöst. "Mein" Gemüse, dass ich esse, ist hier anscheinend nicht zum Verzehr gedacht.
Dann wird mir noch angeraten, mehr Obst zu essen, wegen den Vitaminen. Gemüse ist gut wegen Mineralien. Hm, wer weiß, vielleicht ist ja das in niederländischen und dänischen Gewächshäusern aufgewachsene Gemüse tatsächlich ebenso vitamin- wie geschmackslos.
Außerdem habe ich keine Lust mehr. Ist ja nicht so, dass ich das mit 40 alles noch nie gehört habe.
Und dann kommts wieder.
Immer wieder kommt das. Die Gebetsmühlen, Sätze die man ständig hört, immer der ganz gleiche Wortlaut.Vielleicht mussten die das in der Schule alle auswendig lernen.
Heute war es wieder mal als Nicht- bzw. Spätfrühstücker "das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit am Tag" und "Milch und Milchprodukte sind sehr gesund, besonders wegen dem Calcium".
Ich lasse das einfach durch, spare mir jegliches Nachfragen. Es ist dieses "einzig Richtige", das mich manchmal so ermüdet.
Und dann fällt mir etwas ein, was ich in einem Artikel über die gegenseitigen Betrachtungen der Nordländer untereinander gelesen habe: "die Schweden sind die Oberlehrer Skandinaviens".
Ja und dann natürlich, dann trifft er mich, der Oberlehrer, mit einem seiner Lieblingsthemen.
Das Rauchen.
Sie rauchen. Ah ja, das ist natürlich schon ungesund.
Ich stimme zu.Tatsache, ich weiß das.
Mir wird nochmal erklärt, das sei ein Risikofaktor, die Folgen werden mir aufgezählt.
Ich stimme zu. Erinnere mich an einen Hausarzt, der einmal zu mir meinte  "aber 5 Zigaretten am Tag, dann rauchen sie doch nicht".
Ob ich schon mal  aufhören wollte.
Ich sag nein.
Aber das wär doch so ungesund.
Ich stimme zu. Oberlehrer, das geht mir nicht mehr aus dem Kopf.
Ich sage, hätte kein Bedürfnis auf zu hören. Und da wird sie nervös. Was tun... Sie erklärt mir, es gäbe hier und da Unterstützung. Ich sag immer nur ich weiß. Sie gibt lange nicht auf. Dann sage ich, ich hätte ja schon alles andere an den Nagel gehängt, dass ist die einzige Sünde die mir noch bleibt. Irgendwie ist das Thema damit abgewürgt.

Auf dem Heimweg habe ich immer noch das Gefühl, auf einem Gesundheitstag für Schüler teilgenommen zu haben.
Gesund und sicher, alles richtig machen. Eine perfekte Existenz. Aber Leben, wo bleibt das Leben, ich meine das Leben leben, also Leben, wie soll ich sagen...