27. März 2015

Alles Fisch

Wieder weitere Worte. 
Wieder aus fernerer Ferne als wir sonst fern sind.
Eh klar, kommt drauf an wo und von wo nach wo und was wo nah ist.
Dem Amerikaner ists vermutlich ziemlich wurscht, entfernungsmäßig, ob wir in Deutschland sind oder in Schweden oder in Norwegen.
Für den Süddeutschen wiederum ist es schon ein Unterschied, ob wir in Österreich Ski fahren oder in Nordschweden. Andererseits ists ihm wahrscheinlich auch ziemlich wurscht, mentalitätsmäßig.
Wir jedenfalls haben uns in die Lande der Mitternachtssonne geschwungen. Mitternachtssonne im Juni, Mittagsmond im Dezember. Mittagsmond hat sich jetzt nur nicht so zum Schlagwort entwickelt.

Zur Zeit sind wir in Norwegen auf den Lofoten unterwegs, einer Halbinsel- und Inselgruppe, die sich gen Westen in den Atlantik zieht. Berge, Meer und Schnee. Also Berge, richtige Berge, steil und zerklüftet und massiv. Und Meer, richtiges Meer, Atlantik, Wellen, Wind, Gezeiten.
Schnee, hm na gut, zugegeben,  im Vergleich zu deutschen Verhältnissen auch richtig, zumal da schon Freunde über irgendeinen Frühlingseinbruch faseln. Wir hingegen laufen in Termohosen rum und haben Hundemenschenbewegungsrunden mit Skiern mit und ohne Loipen.
Heute sind wir über unzählige Brücken bis zu den äußeren Lofoten vorgedrungen und bleiben in einem Dorf, das, wer hätts gedacht, von Bergen und See umschlossen liegt und von zwei Dingen lebt. Dorsch und Touristen.

Reine -vermutlich existiert kein Norwegenbildband ohne Motive aus diesem Dorf.

Dorsch hat gerade Saison, Touristen nicht so.
Was aber nicht heißen soll, dass wir nicht schon einer Gruppe Asiaten begegnet sind. Also den Menschen.
Die Dorsche hängen je zu zweien an den Schwanzflossen zusammengebunden, kopflos und ausgenommen zu hunderten zum Trocknen über Holzgestänge im Wind.
Oder die glücklicheren davon, also von den Dorschen, schwimmen im Meer. Wobei unglücklich sind die Aufgehängten nun auch nicht, weil tot.
Das mit dem Aufhängen ist nun auch unter den skandinavischen Menschen bekannt, aber in geringerer Anzahl, und dann endlich ja auch nicht mehr unglücklich. Saisonmäßig fällt das dann zusammen.
Also Reine, das Trockendorschdorf.
Für Touristen ausgebaute einstige Fischerhäuser, in denen man, zu norwegischen Preisen versteht sich, zu zweit gemütlich einen Raum für sich hat, der einst für acht Personen gedacht war. Nicht zu vergessen, statt dem Vorraum für Netze und all den Kram den man zum Fischen braucht und deren Bezeichnungen mir in jeder Sprache völlig fremd sind, ist uns der moderne Luxus eines Bades geboten. Der Boden isoliert, die Fenster auch, elektrisches Licht, Heizung, warm, trocken.
Und die stete Brise Fischgeruch in den Gassen lässt mich nur ahnen, wie sich das vor 100 Jahren gelebt haben mag. Wie sie gerochen haben mögen, Menschen, Hütten und Dörfer.
Danke liebe Welt, dass ich jetz da bin und auch dass ich jetzt bin.





 Die Zimpfelsberger ist völlig überfordert. Unter den Pfahlhäusern, zwischen den Dorschtrockenreihen, überall Gerüche und Fressbares vom Fisch. Und Katzen.
Der Herr Dinkelacker war kurz fischen und bringt -na- Dorsch mit. Nun riechts drinnen und draußen nach Fisch.
Zwischen den Häusern läuft ein Fischotter herum. Macht Sinn. Ist für mich aber trotzdem die Faszination des Tages.


Suchbild mit Fischotter. 
Wer schaffts auch ohne großen roten Pfeil?



Später Spaziergang zwischen hängenden Fischkörpern und aufgefädelten Fischköpfen. Weil, der Endverbraucher ist anspruchsvoll. Zumindest der eine. Dorschkörper gehen getrocknet als Baccala nach Italien. Fischköpfe nach Nigeria.
An einigen Plätzen reihen sich Fotographen auf. Wir rätseln um das Motiv. Vielleicht auch einfach nur alles. Alles ist ziemlich beeindruckend und malerisch und natürlich so authentisch.

 
Zusammenrottung von Menschen mit Kameras. 
Wer sind sie? Was wollen sie? Und worauf  warten sie?



Nachts gehen wir nochmal raus, die Zimpfelsberger wuselt an den Küstenfelsen und unter den Dorschen herum, wir lassen uns Fischgeruch um die Nase wehen und betrachten das Nordlicht.
Zurück in der Unterkunft erkenne ich das verschmierte Fell der Zimpfelsberger. Sie hat ein bisserl Fischabfallpanade aufgetragen. Hund duschen. Der Schmier geht weg. Der Geruch nicht so. Nasser Hund stinkt nach Fisch. Zimmer stinkt nach Fisch. Schlafen im Fisch.
Wir sind auf den Lofoten. Wir sind Fisch.







25. März 2015

Mei, was is heutzutag scho Norden


Zumindest kein typisches Fahrzeug der Südländer. Der Rest ist Ansichtssache.

Von Malmö, eine der südlichsten Städte Schwedens bis Stockholm sinds an die 600 km.
Von Stockholm gen Umeå sinds nochmal an die 600 km gen Norden.

Da in der Gegend von Umeå wohnen wir, der Herr Dinkelacker, die Zimpfelsberger und ich.
Amtlich betrachtet gehört unserer neue Heimat, "Västerbotten län" zur Region Nordschweden.

Von Umeå nach Kiruna, der nördlichsten Stadt Schwedens sinds querfeldein noch a mal 500 km.
Kiruna liegt mit 67,85 G. n.B. über - ja liebe Geographen, das tut weh, ich weiß - dem Polarkreis.

Die Nordschweden sagen, unsere Gegend ist noch lang nicht Norden.
Die Norweger sagen, Schweden hat keinen Norden.

Ich versteh das jetz.

Ach ja, die Schweden messen in Meilen, 10 Kilometer eine Meile.
Das versteh ich aber schon länger.

Nachdem wir gerade nördlich des Polarkreises, selbiger liegt auf 66,57 Grad nördl. Breite,  200 Meilen durch Schweden und Norwegen tingeln musste ich mal ganz schnell was korrigieren.  Also, weg mit dem "Nord" aus meiner aktuellen Wohnortbeschreibung "Nordschweden".

Und überhaupt, Winter endet im Norden wenn die Tage wieder kommen, nicht wenn der Schnee weg ist.

Winter ist rum. Ausfahrt in leichter Kleidung.


3. März 2015

Winterdüfte



An meinem Schreibtisch sitz ich.
Im Wohnzimmer sitzt der Herr Dinkelacker. Ich höre ihn leiden.
"Oh, ach Gott, also wirklich, das ist ja grausam... ohh..." so in etwa geht es dahin.
Die Sachlage ist klar, ohne dabei zu sein. Die Zimpfelsberger hat heute wieder was besonderes gefunden und runtergewürgt. Nun entlässt  sie unbeschreibliche Gase. Wer Hundepfürze kennt, der mag verstehen, was hier mit unbeschreiblich gemeint ist. Nicht der grauenhafte, in der Unendlichkeit haftende tränentreibende ordinäre Canidenschoas ist gemeint, sondern eben die Königsklasse dessen. Mit Wiederholungen, einer besser wie der andere.
Ja, so aufregend ist es als gerade hier....
Der Winter verarscht uns wieder mal und lässt unsere Nordbegeisterung auf den Nullpunkt sinken, eben weil seine Temperatur darüber liegt.
Der Schnee ist matschig und schwer.
Stimmen behaupten, es sei an mir, denn seit ich da bin sind die richtigen Winter weg.
Es taut und friert und taut und friert und regnet und schneit und taut und friert.
Eine gewisse Abwechslung ist schon geboten.
Mal ist der Hof und die Einfahrt vereist. Mensch, Tier und Fahrzeuge versuchen sich darauf zu bewegen. Der nordschwedische Gleichgewichtssinn ist in dieser Hinsicht wirklich beeindruckend und sowohl auf Übung als auch auf Stolz zurück zu führen.
Man passt sich an, spannt kleine Krallen an die Schuhe und klemmt sich hinter den Tretschlitten. Dann schneit es wieder ein bisserl rum, gerade soviel, dass man räumen muss und die Stollen an Schuhen, Hufen und Reifen nicht mehr bis zur darunter liegenden Eisschicht greifen. Da rutscht man dann samt der Schneeschicht einfach weg.
Ist aber auch nicht schlimm, es taut ja tags drauf wieder.
Das Räumen war also sinnlose Arbeit. Dafür kann man wieder ohne Spikes laufen, allerdings nur im Kreis in der Einfahrt oder auf der Strasse, denn auf dem zugefrorenen See, eigentlich die winterliche Spiel- Sport- und Spaßwiese, steht das Wasser.
In Wald und Feld bricht man durch die aufgeweichte Schneedecke und ist nach wenigen hundert Metern völlig erschöpft. Meinen letzten Spaziergang dieser Art musste ich dann streckenweise auf den Knien rutschend bewältigen, der Schnee war zu hoch um ihn erhobenen Hauptes durchqueren zu können.
Wählt man die Ski, kann das mal gut gehen und mal nicht, je nachdem wie warm und stürmisch  es gerade ist. Immer aber muss man die Bretter zwischenzeitlich zwischen den Händen und nicht an den Füßen tragen, denn auf Wegen und exponierten Stellen gibt es nichts Weißes mehr.
Sogar einer Zimpfelsberger schlägt das zuweilen aufs Gemüt. Das gemeine an diesen wechselnd aufweichenden und frierenden Schneedecken ist, dass sie einen weder permanent tragen noch bei jedem Schritt einbrechen lassen.
Die Zimpfelsberger wird also ein paar Schritte getragen, freut sich, wird schneller und kippt dann völlig unvermittelt vorne über und landet mit dem Kinn auf/in/unter der Schneedecke.
Das ganze geht selbstverständlich auch anders herum.
Da ringt sie sich endlich und nach schweren Entscheidungen zur Kackstellung durch und schon bricht das halbe Hinterteil in den tiefen Schnee ein.
Weil das nun alles etwas unerfreulich ist, hat sie ihren Schwerpunkt mehr den je auf irgendeinen- Scheißdreck- reinwürgen verlegt.  Eine besondere Technik erfordert das Einsammeln von an Vogelhäuschen hängenden Meisenknödeln. Zu allererst muss man sich natürlich in einem unbeobachteten Moment aus dem Staub machen. In Nachbars Garten angekommen gilt es hoch zu springen und sich am Knödel fest zu beißen. Dann, hängend solange zucken und routieren bis das Ding ab ist und, dazu bedarf es allerdings keinerlei Übung für die Zimpfelsberger, möglichst schnell runterwürgen.
Heute nun hat sich der Zimpfelsberger eine neue Futterquelle angeboten. Machen wir es kurz, man hat sie gefunden und wieder aus der Fuchsfalle herausgelassen.
Und da schließt sich der Kreis. Jetzt wird der Fallenköder verdaut und verdampft in unserem Wohnzimmer.
Der Herr Dinkelacker und ich finden die Idee immer besser, dass ein Hund genug Fell haben sollte um draußen gehalten werden zu können.